Beitr. naturk. Forsch. SüdwDtl, Band 37 S. 143-147 5 Abb. Karlsruhe, 1. 12. 1978

Spinnen aus Brasilien IV.
Zwei neue blinde Bodenspinnen aus Amazonien
(Arachnida, Araneae)

von Paolo Marcello Brignoli
Kurzfassung

Aus Brasilien, Amazonas, Umgebung von Manaus werden Monoblemma becki n. sp. ([[male]], [[female]] unbekannt)
und Xyccarph myops n. gen. n. sp. ([[male]], [[female]] unbekannt) beschrieben. Monoblemma becki ist nach Genital-
und Allgemeinmorphologie von allen bekannten Tetrablemmidae verschieden. Die neue Gattung Xyc-
carph (Generotypus: X myops n. sp.) ist nahe verwandt mit Stenoonops Simon, 1891 und kann von dieser
nach der Genitalmorphologie unterschieden werden; zu dieser Gattung gehört wahrscheinlich auch X. te-
nuis (Vellard, 1924) comb. nov. (beschrieben aus Brasilien als Stenoonops); X. tenuis kann von X.
myops durch die gut entwickelten Augen und die Genitalia unterschieden werden.

Summary

From Brazil, Amazonas, Surroundings of manaus) are described Monoblemma becki n.sp. ([[male]], [[female]] un-
known) and Xyccarph myops n. gen. n. sp. ([[male]], [[female]] unknown). The first species can be distinguished by the
genitalia and the general morphology from the othern known Tetrablemmidae. Xyccarph n. gen. (Gene-
rotype: X myops n. sp.) is near to Stenoonops Simon, 1891, from whichit can be distinguished by the geni-
talia; to this genus belongs probably alsoX. tenuis (Vellard, 1924) comb. nov. (described asStenoonops
from Brazil); X. tenuis can be distinguished from X myops by the genitalia and the well developed eyes.

Unter dem mir schon seit längerer Zeit freundlicherweise von Prof. Dr. L. BECK (Karlsruhe)
anvertrauten Material befanden sich die hier beschriebenen, recht bemerkenswerten Arten,
die die recht bescheidene Anzahl der bisher bekannten blinden Bodenspinnen bereichern.
Die erste Art gehört zu den noch wenig bekannten Tetrablemmidae, die zweite zu der großen
Familie Oonopidae; aus beiden Gruppen waren schon blinde Arten bekannt.
Das Material ist zum Teil in den Landessammlungen für Naturkunde Karlsruhe (LNK) und
zum Teil in meiner Sammlung (CBL) verwahrt.

Die Fundorte sind bei Beck (1971) genauer beschrieben. Meine Frau Micha hat mir bei der
Anfertigung der Abbildungen geholfen.

Fam. Tetrablemmidae
Monoblemma becki n. sp.

Fundort und Material: Brasilien - Amazonas, Umgebung von Manaus, Reserva Ducke, 21. XII. 65
(A 5), 14. IV. 66 (A 1), L. Beck leg., 2 [[male]][[male]] (Holotypus, LNK; Paratypus, CBL).

Beschreibung cf (5 unbekannt): orangenes Prosoma (Abb. 4-5), relativ erhöht, aber nicht
wie bei Matta hambletoni Crosby, mit wenigen Haaren, glatt, außer am Rand, ohne Spur von
Augen; Labium breiter als lang; Sternum gelblich, herzförmig, unbehaart, sehr fein bekörnt.

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Chelizeren (Abb. 2) unspezialisiert; Pedipalpus (Abb. 3) mit äußerst einfachem Bulbus; gelb-

liche, unbewehrte Beine. Vollig gepanzertes orangenes Opisthosoma.

MaBe (in mm): Prosoma 0,38 lang, 0,34 breit; Opisthosoma 0,48 lang. Totallánge: 0,86.

Beine

Femur

Patella

Tibia

Metatarsus

Tarsus

Total

I

0,26

0,10

0,20

0,12

0,17

0,85

II

0,21

0,10

0,17

0,12

0,15

0,75

III

0,17

0,09

0,15

0,12

0,15

0,68

IV

0,30

0,10

0,25

0,17

0,17

0,99

Derivatio nominis: Ich widme diese Art ihrem Sammler, Herrn Prof. Dr. L. Beck.

Beziehungen: Aus Nord- und Südamerika sind bis jetzt nur 4 Tetrablemmidae bekannt
und zwar„Tetrablemma" cambridgei Bryant 1940 (Cuba und Mexiko, vgl. auch Blandin,
1977), „T." sbordonii brignoli, 1972 (Mexiko), Matta hambletoni Crosby, 1934 (Brasi-
lien) und Monoblemma unicum Gertsch, 1941 (Panama).

Matta hambletoni (aus Minas Gerais) hat eine sehr erhöhte Kopfpartie des Prosoma, einen
kleinen vorderen Zahn auf den Chelizeren, die Tibia des Pedipalpus ist verdickt und der Bul-
bus hat einen kleinen Konduktor; nach all diesen Charakteren scheint mir die neue Art nicht
mit M. hambletoni verwandt zu sein.

Monoblemma unicum (sowohl Monoblemma wie Matta waren bis jetzt monotypisch) ähnelt
sehr der neuen Art nach Prosoma und Pedipalpus; der Embolus ist aber nicht so gerade und
ein einziges Auge ist vorhanden.

Von den beiden,,Tetrablemma" (die offenbar nicht zu dieser Gattung gehören) könnte nach
dem Prosoma und dem Bulbus cambridgei zur Gattung Monoblemma gehören, sbordonii hin-
gegen wahrscheinlich nicht (wegen des Konduktors).

Farn. Oonopidae
Xyccarph n. gen.

Beschreibung: Eine Gattung der,,Oonopidae molles" mit länglichem, niedrigem Proso-
ma; großes, breit abgestutztes Sternum; unspezialisierte Chelizeren; Endpartie der Gnatho-
coxae spezialisiert (s. Abb. 1); relativ einfacher Pedipalpus (s. Abb. 1); Bulbus vom Tarsus
ungetrennt; einfacher Embolus; unbewehrte Beine.
Generotypus: Xyccarph myops n. sp.

Beziehungen: Jeder, der sich eingehend mit den Oonopidae beschäftigt hat, wird sicher
bemerkt haben, daß die wenigen Gattungen in ihrer Genitalmorphologie nicht einheitlich
sind. Wie ich schon anderswo angemerkt habe, ist das System von simon für diese Familie äu-
ßerst unbefriedigend. Die recht einheitliche allgemeine Morphologie hat die Anzahl der Gat-
tungen relativ bescheiden gelassen; da aber die meisten Gattungen unklar abgegrenzt sind, ist
dies nicht besonders erfreulich.

Die wichtigsten Charaktere sind die unterschiedliche Sklerotisierung des Abdomens (keine
Scuta; ein Scutum; zwei Scuta), die Bewehrung der Beine (bewehrt; unbewehrt), die Lage der
Augen (in einem Ring; in drei Gruppen). Auf diesen unterschiedlich kombinierten Charakte-
ren gründen sich fast alle Gattungen.

Die wenigen „kleinen" Gattungen sind meist monotypisch und auf irgendwie — für den Be-
schreiber - „sonderbare" Arten begründet.

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Abb. 1: Xyccarph myops n. gen. n. sp. - Pedipalpus und Gnathocoxa.

Abb. 2-5: Monoblemma becki n. sp. — 2: Pedipalpus; 3: Chelizere; 4-5: Prosoma von der Seite und von
oben. Maßstäbe in mm.

Die Gattungen - oder genauer, die Namen - von Simon werden sicher zum Großteil erhalten
werden; zu den wichtigen Charakteren muß aber auch die Genitalmorphologie gerechnet
werden; dieser letzte Charakter wird wahrscheinlich in Zukunft das System erheblich verän-
dern. Die allgemeine Morphologie wird sicher nützlich bleiben, besonders bei den genital-
morphologisch einfachen Arten. Der Wert der Sklerotisierung und der Bewehrung der Beine
ist sicher überschätzt worden; wir kennen aber noch zu wenige Arten, um dies zu entscheiden.
Nach der Bewehrung der Beine (bzw. des Palpus) kann man Xyccarph von Aprusia, Blanioo-
nops, Calculus, Heteroonops, Oonops, Telchius, Wanops unterscheiden; nach der völlig ver-
schiedenen Genitalmorphologie (vom Tarsus gut abgetrennter Bulbus) von Oonopinus,
Oonops, Orchestina, Salsula, Tapinesthis, Oonopoides, Subantarctia, Ascuta, Pounamua, Ka-
pitia, Caecoonops, Termitoonops und Anophthalmoonops; wegen der verschiedenen Form
des Prosoma oder der Beine von Hypnoonops, Zyngoonops und Tasmanoonops.

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Von verschiedenen dieser Gattungen sind leider nur die [[female]] [[female]] bekannt; genitalmorphologisch
ähnlich ist nur Wanops; Oonopoides hat spezialisierte Gnathocoxae, aber nicht wie die von
Xyccarph.

Nach dem Bulbus erinnern an Xyccarph nur Australoonops Hewitt, 1915 (einzige bekannte
Art, A. granulatus Hewitt, 1915 aus dem Capland) und Stenoonops Simon, 1891 (Generoty-
pus: S. scabriculus Simon, 1891 von der Insel St. Vincent); A. granulatus hat scheinbar nor-
male Gnathocoxae und ein seltsames, spezialisiertes Labium und sollte mit Xyccarph nicht be-
sonders nah verwandt sein. Stenoonops ist von Chickering (1969) revidiert worden; meiner
Meinung nach hat der vor kurzem verstorbene amerikanische Autor diese Gattung zu weit ge-
faßt: wenn man zu Stenoonops nur die dem Generotypus nahen Formen stellt, würden ihr au-
ßer scabriculus nur S. hoffi Chickering, 1969, S. lucradus Chickering, 1969 und vielleicht
S. cletus Chickering, 1969 gehören. Die Arten mit gut abgetrenntem Bulbus gehören für
mich anderswo hin. Stenoonops stricto sensu könnte mit Xyccarph verwandt sein; der Bulbus
von Stenoonops ist aber rundlich, kurz und mit sehr kurzem Embolus (die Gnathocoxae schei-
nen normal zu sein). Die Beziehungen zwischen Xyccarph und Stenoonops können an die zwi-
schen Parachtes und Harpactocrates (Dysderidae) erinnern.

Xyccarph myops n. sp. (Abb. 1)

Fundort und Material: Brasilien-Amazonas, Umgebung von Manaus, Reserva Ducke, 15. IV. 1966
(A 3), L. Beck leg., 1 [[male]] (Holotypus, LNK).

Beschreibung [[male]] ( [[female]] unbekannt): niedriges, längliches, glattes, gelbliches Prosoma, im Um-
riß unregelmäßig sechseckig (laterale Seiten länger als die anderen), etwas erhöht im hinteren
(Thorax) Teil; sehr niedriger Clypeus; undeutliche Spuren von zwei völlig depigmentierten
Augen (Stellung etwa wie in Diblemma); Labium ohne Besonderheiten; Sternum schildför-
mig, gelblich, glatt, breit abgestutzt (die IV Coxae um weniger als ihren Durchmesser tren-
nend). Chelizeren ohne Besonderheiten, ohne Zähne; Gnathocoxae und Pedipalpus (siehe
Abb. 1); gelbliche, behaarte aber unbewehrte Beine, Femora IV etwas verdickt. Opisthosoma
weiß behaart, länglich.

Maße (in mm): Prosoma 0,56 lang, 0,40 breit; Opisthosoma 0,54 lang. Totallänge: 1,10.

Beine

Femur Patella

Tibia

Metatarsus

Tarsus

Total

I

0,40 0,26

0,32

0,27

0,15

1,40

II

fehlen beiderseits

       

III

0,32 0,15

0,20

0,18

0,15

1,00

IV

0,46 0,24

0,34

0,32

0,16

1,52

Derivatio nominis: ,,myops" heißt „kurzsichtig"; der Gattungsname ,,Xyccarph" (neutrum)
ist der eines imaginären Landes in einem Roman von Clark Ashton Smith.
B eziehungen: Von den schon bekannnten südamerikanischen Oonopidae gehörtX. tenuis
(Vellard, 1924) comb. nov. (beschrieben als Stenoonops) aus Brasilien (Niteroi) wahr-
scheinlich zu Xyccarph. Diese Art ist völlig pigmentiert und hat 6 normale Augen in drei
Gruppen; der Pedipalpus (nach Vellard, 1.924: 128) hat „patelle courte, tibia plus court que
la patelle (d'un quart), tarse formant avec le bulbe une masse ovoide termine à la partie sup.
par 1 grosse pointe mousse dirigée en dehors".

Schlußbemerkungen

Die Anzahl der blinden oder mikrophthalmen Spinnen ist jetzt relativ hoch (vgl. auch Brig-
noli, 1973), die meisten bekannten Arten sind aber troglobiont oder termitophil. Nur wenige

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der sehr vielen bekannten detritikolen Spinnen haben erheblich reduzierte Augen (meistens
verschwinden die VMA bei den achtäugigen Arten); wie bei den Käfern gibt es keine befriedi-
gende Erklärung für eine Reduzierung der Augen bei den detritikolen oder termitophilen Ar-
ten.

Zwei blinde Tetrablemmidae waren schon bekannt, aus Höhlen in Mexiko („Tetrablemma"
sbordonii) und Sumatra (Abiemma baso); die meisten Arten der Familie haben wenig entwik-
kelte Augen. Viele blinde Oonopidae sind schon bekannt, meist aus Höhlen. Zu denen von
mir (1973) schon erwähnten muß man noch verschiedene, in letzter Zeit entdeckte termi-
tophile Arten hinzufügen.

Literatur

Beck, L. (1971): Bodenzoologische Gliederung und Charakterisierung des amazonischen Regenwaldes.

- Amazoniana, 3, (1): 69—132; Kiel.
Bland in, P. (1977): Note sur la presence de Tetrablemma cambridgei Bryant au Mexique. - Rev. Arach-

nol., 1 (3): 85-88.

Brignoli, P. M. (1972): Some cavernicolous spiders from Mexico. - Quad. Acc. Naz. Lincei, 171:
129-155.

Brignoli, P. M. (1973): II popolamento di ragni nelle grotte tropicali. Int. J. Speleol., 5: 325-336.
Bryant, E. B. (1940): Cuban spiders in the Museum of Comparative Zoology. Bull. Mus. Comp. Zool.

Harvard, 86 (7): 249-532; Harvard.
Chickering, A. M. (1969): The genus Stenoonops in Panama and the West Indies.-Breviora, 339: 1-35.
Crosby, C. R. (1934): An interesting two-eyed spider from Brazil. Bull. Brooklyn Ent. Soc, 29: 19-23;

New York.

Gertsch, W. J. (1941): Report on some Arachnids from Barro Colorado Island, Canal Zone. Amer.

Mus. Novit., 1146: 1-14.
Hewitt, J. (1915): Descriptions of new South African Arachnida. Ree. Albany Mus., 3: 70-106.
Simon, E. (1891): On the spiders of the island of St. Vincent. Part 1. Proc. Zool. Soc. London (1891):

549-575; London.

Vellard, J. (1924): Etudes de Zoologie. Arch. Inst. V. Brazil 2: 121-170.

Anschrift des Verfassers: Dr. Paolo Marcello Brignoli, Istituto di Zoologia dell'Universitä, Piazza
Regina Margherita, 7, 1-67100 L'Aquila (Italia)

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